Palimpseste
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So entstehen meine Palimpseste …
… ich benutze bereits beschriebene, bedruckte „weggeworfene“ Alltagsgegenstände, deren eigentlicher Nutzwert abgelaufen bzw. desolat geworden ist. Es sind die milliardenfach in Umlauf gebrachten Behältnisse aus Metall, Eisen oder Aluminium, denen farbliche, bildliche und textliche Botschaften über ihren Inhalt an ihrer Oberfläche eingeschrieben sind, die vom jeweiligen „inhaltlichen“ Nutzen, dessen Wert und Verwendbarkeit zeugen sollen. Neben den „literarischen“ Botschaften darauf, sollen meist auch farbliche und bildliche Elemente das Begehren des Konsumenten wecken oder erhalten. Wenn der Transportnutzen und die Beherbergungszwecke dieser -banal auch Konservendosen genannten- Objekte erfüllt ist, werden sie weggeworfen, in die Landschaft, in den Müllsack.
Ich nehme diese Artefakte des Sinnlos-Gewordenen und verwandele sie – ich forme dieses Material erneut um: Mit Plasmaschneider, Hammer, Zange entfalte ich die blödsinnigen Dosen zu einer flachen Schreibtafel – auf der nun aber schon immer besagte obsolete Botschaften stehen. Gut so! Dann nehme ich einen Plasmaschneider und führe ihn wie einen Stift, wie einen Füllfederhalter, über die bereits beschriebene Tafel: so brenne ich der Tafel über deren alter Schrift neue Zeichen ein, es ist immer eine sonderbare Schrift. Sie verformt das Material endgültig und ist niemals mehr überschreibbar. Dort, wo das Material dann fehlt, weil es „weggebrannt“ ist, liegt jetzt die mögliche neue Bedeutung: eine neue Schrift über der alten. Dieses Verfahren nenne ich PLASMOGRAPHIE. Nach diesem Prozess aufgetragene Goldränder unterstreichen, dass es sich eben um eine Schrift – und nicht um eine einfache „Zerstörung“ handelt. Oft findet sich danach einen Rahmen, ein Holzbrett oder sonst irgendwas, das als Träger fungieren muss und es auf diese Weise verdoppelt von der Alltagsnutzenwelt in die Artwelt schiebt.
Die Inspiration zu dieser Technik habe ich von zwei Seiten erhalten. Zum Einen von dem verstorbenen Künstler Michael Laux, dem wir auf Ausstellungen zwei seiner Objekte abgekauft hatten. Die andere Inspiration ging von einer ehemaligen Schülerin aus, das ist nun über 45 Jahre her: Als ich mit meiner Literaturklasse eine kreative Schreibübung verlangte, die sich anregen lassen sollte von der großen zentralen Landschaftdarstellung im „Werther“, beschrieb sie die depressive und hoffnungslose Situation, in der sich „Werther“ befand, indem sie das Bild einer im Bach treibenden leeren roten Coca-Cola-Dose wiedergab, und den weißen Schriftzug darauf als „bleckendes Lachen“ beschrieb. Welches Bild könnte geeigneter sein, die hoffnungslose Ambivalenz, in der sich Werther befand, in ein modernes, jugendliches Bild zu übertragen? Diese literarisch kreative Umformung eines banalen Gegenstandes berührt mich noch heute. Das Palimpsest auf der roten Cola-Dose ist eine Reminiszenz. Heinz Michallik, 2026
Begriff und Technik des Palimpsestierens …
… sind schon ziemlich alt und wurden schon in der Antike eingesetzt. Meist, um einen Mangel an verfügbarem beschreibbaren Material, meist Papyrus, zu kompensieren.
Der erste, der das menschliche Bewusstsein und Gedächtnis mit einem Palimpsest verglich, war der englische Essayist Thomas De Quincey, lange vor Sigmund Freud im „Wunderblock“ und den französischen Strukturalisten. In dem Buch Suspiria de Profundis schrieb er 1845:
„Was Anderes als ein natürliches und mächtiges Palimpsest ist der menschliche Geist? Solch ein Palimpsest ist mein Geist; solch ein Palimpsest, O Leser! ist der Deinige. Immerwährende Schichten von Ideen, Bildern, Gefühlen sind auf deinen Geist gefallen so sanft wie das Licht. Jede Abfolge [von Gedanken] verbrannte scheinbar alles was vorher war. Und doch wurde in Wirklichkeit keine Einzige ausgelöscht.“ (aus: De Quincey, Bekenntnisse eines englischen Opiumessers)
Bei meinen Annäherungen ist es nicht der Mangel an Material, sondern der Üeberfluss und die Insistenz der immer stupiden gleichen Botschaften, denen ich etwas Entgegenstehendes „einbrennen“ will.
In den meisten Fällen werden die ursprünglichen „Konsum-Totems“ palimpsestiert, weil die eben schon mit ihren blöden Botschaften versehen sind. In den Fällen, in denen die aus den Blechbehältnissen hergestellten „Schreibtafeln“ keinerlei Aufschriften tragen, sondern nur das blanke Metall zeigen, ist der Begriff Palimpsest oder „Palimpsestieren“ nicht passend. In diesem Fall bezeichne ich das Objekt als Plasmographie und den technischen Vorgang als Plasmographieren : die Handhabung eines modernen Plasmaschneiders wie ein Schreibgerät.
Das Neue an meinen Objekten und an meinem Verfahren ist also nicht das Palimpsest, sondern die Technik des Plasmographierens, mit der ich mehr anstelle als das Palimpsestieren.
Soviel zur kreativ eingesetzten Technik und einer dazu passenden Begrifflichkeit. Letzlich entscheidend dürfte aber das damit erreichte Ergebnis sein, also die fertigen Objekte, die man sehen und auch mal berühren kann.
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Die Vögel singen noch:

bleckendes Lachen:

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